Pannen-Leitstelle Harrislee
Weil bei der Polizei in Lübeck neue Software installiert wurde, brach das System in Harrislee zusammen
HarrisLee/kiel
Die Computer stürzten um 16.20 Uhr ab. Quälende 40 Minuten vergingen, bis alle Rechner wieder liefen. Es war nicht der erste Fehler in der modernsten Leitstelle im Land, wohl aber der schwerste. Kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn das System am Morgen ausgefallen wäre, als die Leitstelle Harrislee (Kreis Schleswig-Flensburg) den Großeinsatz beim Busunglück von Glücksburg koordinieren musste.
Für Nordfrieslands Landrat Dieter Harrsen (parteilos) ist mit diesem Vorfall eine Grenze überschritten worden. Er warnt: „Die häufigen Fehler und Ausfälle gefährden unmittelbar die Bevölkerung.“
Um zumindest das zu verhindern, haben die Mitarbeiter in Harrislee in Eigenregie ein Alarmierungssystem auf Basis der alten Technik installiert. Sacha Münster, Sprecher der Leitstelle: „Diese Rückfallebene hilft uns notdürftig bei Systemabstürzen.“
Seit sieben Monaten ist die Kooperative Regionalleitstelle in Betrieb, und seit sieben Monaten knirscht es gewaltig. Polizisten klagen darüber, dass die Disponenten nur schwer zu erreichen sind. Ein flüchtiger Verdächtiger sei deswegen entkommen. In einem anderen Fall rasten Beamte zu einem mehr als 20 Kilometer entfernten Tatort, obwohl der nächste Streifenwagen nur zwei Kilometer entfernt stand. Doch der war in der Leitstelle übersehen worden. Feuerwehrmänner, die einen Notarzt am Einsatzort brauchten, konnten ihn erst nach 18 Minuten über sein Privathandy erreichen. Und in einem Fall konnten Notrufe nicht angenommen werden. Die Beamten in der Leitstelle reagierten geistesgegenwärtig, notierten die Nummern auf ihren Telefondisplays und riefen zurück.
Für die Mitarbeiter ist der monatelange Kampf mit der Technik eine enorme Belastung: Etliche Disponenten klagen bereits über Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Albträume und Ohrensausen.
Der Totalausfall vom Freitag hatte seine Ursache in einem Software-Update der Polizei in Lübeck. Die Leitstellen im Land sind miteinander verbunden, um füreinander einspringen zu können. Stattdessen kriechen Probleme durch das Netzwerk. So warfen andere Updates die Software in Harrislee in einen mehrere Monate alten Stand zurück. Fehler, die bereits ausgemerzt waren, tauchten wieder auf. Für Bogislav-Tessen von Ger-lach (parteilos), Landrat des Kreises Schleswig-Flensburg, ist das eine „hochbrisante Situation“. Er forderte vom Innenminister: „Erst wenn sichergestellt ist, dass der Betrieb in Harrislee nicht mehr gefährdet wird, darf anderswo wieder Software aufgespielt werden.“ Landrat Dieter Harrsen ging noch einen Schritt weiter, wollte Harrislee aus dem Verbund zu trennen, bis die Probleme gelöst sind. Doch das ist laut Innenministerium nicht möglich. Die Lösung, auf die man sich gestern geeinigt hat: Jedes Update muss künftig angemeldet werden, damit es keine bösen Überraschungen mehr gibt.
E. Gehm/H. Harding
SHZ
http://epaper.shz.de/shz/2010/04/01/st/3/art-0035.html