Das Handy, mein Vater und der Trichterbechermann

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Neulich waren meine Freundin und ich auf’n Hot Dog bei Ikea in Kiel. Da es sich spontan ergab, nahmen wir auch noch ein Bettgestell mit, das laut Internet-Lagerbestandsmeldung weder in Moorfleet noch in Schnelsen vollständig zu haben war. Zwar gab es in Kiel dann statt der vermeldeten 7 noch ganze 16 komplette Exemplare und vermutlich hätten wir das Bettgestell deshalb auch in Moorfleet oder Schnelsen bekommen, aber Hauptsache meine Freundin war glücklich. Mein 13 Jahre altes Futonbett von Roller knarrte inzwischen nämlich bei jeder Bewegung. Vielmehr störten meine Freundin allerdings - das aber nur hinter vorgehaltener Hand - die vorherigen Bettenmitbenutzerinnen. Frauen sind da eben etwas eigen. Ich war übrigens auch glücklich. Glücklich, ihr ausreden zu können, dass es unbedingt dieses 3.000 Euro teure Designerstück aus irgendeinem Katalog sein musste, den sie sich extra bestellt hatte. Matratze und Bettenrost waren teuer genug und sind auch noch gut, da reicht fürs erste ein IKEA-Gestell drum rum. Geld verbrennen können wir auch später noch. Hat sie dann eingesehen. Dafür schlafe ich jetzt in einem weißen Prinzessinnenbett mit verschnörkeltem Metallgestänge.

Mein Seat ist ein recht geräumiges Auto. Trotzdem passte ich nach Verstauung des Bettes nicht mehr hinter das Lenkrad und so nahm ich devot auf dem Beifahrersitz Platz. Meine Freundin knallte die A21 zurück Richtung Hamburg und ich ließ meinen Gedanken freien Lauf. Was würde eigentlich mein Vater, der heute 85 Jahre alt wäre, zu meinem Seat sagen? Der Tacho stand bei Anschlag 230, der Leon lag satt auf der Straße und die Musik aus den Boxen kam locker gegen die Fahrgeräusche an. Draußen schoss Schleswig-Holstein an uns vorbei. Der Motor hat mehr als sechs mal so viel Leistung wie Vaters Trabbi und schluckt dabei weniger. Mal eben nach Feierabend für ein Bett nach Kiel? Das ist ungefähr so weit, wie damals von uns zu Hause bis nach Rostock, was einem Tagesausflug gleich kam und sorgfältiger Planung bedurfte. Über Land, Tacho 80 und keinen Strich mehr, vorher auf jeden Fall Tanken und nach dem Öl gucken. Mein Vater war in jeglicher Hinsicht ein Pedant. Das Radio lenkt ab und wurde deshalb nie während der Fahrt angemacht! Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es überhaupt funktionierte. Dafür lauschte mein Vater ständig nach Störgeräuschen in seinem Trabbi. Er hörte auch häufig tatsächlich welche. Die hörte meist aber auch nur er! Er hielt dann an und suchte die Ursache. Oft war es am Ende das Klappern des Schlüssels in der Handtasche meiner Mutter! Meine Freundin sagt, ich sei genau so. Nur weil mich das Quietschen des Sixpacks Wasserflaschen von Aldi im Kofferraum nervt. Das ist was ganz was anderes, ist das!

Bei unseren Ausflügen im Trabbi zum Rostocker Zoo kamen wir durch einen Wald, in dem es Hünengräbern gibt. Eines konnte man von der Straße durch die Bäume hindurch sehen und als Kind wartete ich auf dem Rücksitz immer ganz gespannt auf diesen Moment. Hünengräber sind Steinskulpturen aus der Zeit der sogenannten Trichterbecherkultur, die so ab 4.000 vor Christus zu Gange war. Stonehenge in England gehört auch in diese Kategorie. Lange glaubte man, es handele sich um Grabanlagen. Heute ist man sich da aufgrund der in solchen Anlagen doch eher selten ausgegrabenen Toten nicht mehr ganz sicher.

Was, wenn ich den Auftrag bekäme, einen Trichterbechermann an diesen Hünengräbern abzuholen und ihm die Mobilität der heutige Welt zu zeigen? Ich glaube, ich würde mir erstmal den alten Landcruiser von unserem Hausmeister ausleihen, den Trichterbechermann am Hünengrab einsammeln und einige Runden durch den Wald kacheln. Der ist in der Gegend da schön hügelig. Anschließend ginge es zur A20, wo wir in den bereitstehenden Carrera wechseln, um mit jenseits der 300 km/h zur A1 und weiter in Richtung Hamburg zu rasen. In Großhansdorf stiege ich mit „Trichti“ in die U-Bahn und würde gespannt auf seine Reaktion warten, wenn es kurz hinter Wandsbek-Gartenstadt wirklich in den Untergrund geht. Vom Hauptbahnhof ginge es mit einer Hayabusa in Richtung Fuhlsbüttel und von dort mit dem nächsten Flug Richtung New York. Da liegt bestimmt irgendwo ein fahrbereites Atom-U-Boot rum. Während ich es suche und die Fahrt klar mache, würde ich Trichti auf die Aussichtsplattform des Empire-State-Building verfrachten. Da soll er mal schön die Aussicht genießen und sich ne Runde entspannen. Hochhäuser wären genau das richtige für ihn. Er und seine Trichterbecherkumpels haben damals schließlich auch schon mit Begeisterung Steine aufeinander gestapelt. Ich fürchte allerdings, Trichti wäre bereits irgendwo zwischen Geländewagen, Porsche, U-Bahn, Motorrad und Flugzeug verstorben. Plötzlicher Herztod. Vielleicht wäre auch einfach sein Gehirn explodiert. Oder er wäre wie ein panisches Kaninchen immer wieder gegen die Wand gelaufen.

Wie mein Vater auf eine Fahrt im Seat reagiert hätte, ich kann es mir nicht richtig vorstellen. So wie ich mir nicht mehr vorstellen kann, wie er auf die letzten 20 Jahre reagiert hätte. Er starb 4 Monate vor dem Mauerfall. Die Welt ist seit dem verdammt schnell geworden.
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Der Akkualarm meines Handys riss mich aus meinen Gedanken. Noch so ein technisches Gerät, das vor einem Vierteljahrhundert wahrscheinlich über die Vorstellungskraft der meisten Menschen gegangen wäre. Mein Mobiltelefon ist ungefähr so groß wie eine Zigarettenschachtel. Ich kann mit ihm überall in der zivilen Welt zu jeder Zeit telefonieren. Das Telefon bei uns zu Hause hatte eine Wählscheibe und wir teilten uns mit den Nachbarn einen Anschluss. Immerhin hatten wir einen Telefonanschluss und zählten damit zu den glücklichen 11 Prozent. Wenn der Anschluss auf unseren Apparat gestellt war und es kam ein Gespräch für die Nachbarn, musste ich nach nebenan und Bescheid sagen.

Neben dem Telefon lag das dünne öffentliche Telefonbuch für den damaligen Bezirk Rostock. Hamburg hat mehr Festnetzanschlüsse als die gesamte DDR. Ein Buch für die privaten Telefonnummern brauchten wir nicht. Die paar Nummern, allesamt vierstellig, konnte man sich auch so merken. Wenn ich heute eine Telefonnummer suche, egal welche, ich finde sie in meinem Handy. Auswendig weiß ich kaum noch eine. Ich muss die zum Anwählen ja nicht mehr eingeben. Und wenn ich die Telefonnummer eines Pizzalieferservices in Melbourne suche, gehe ich mit meinem Handy ins Internet. Ich weiß nicht, wie viel Platz ich für alle verschiedenen Telefonbücher der Welt bräuchte. Unsere Wohnung würde dafür wohl nicht ausreichen. Ich bräuchte sie nicht. Steckt alles im Handy.

Überhaupt das Internet. Wahrscheinlich würde ich meinem Vater erklären, dass das in einer Bibliothek in tausenden von Büchern vorhandene Wissen der Welt auch in meinem Handy steckt – jederzeit abrufbar. Überall. Zeitungen und Zeitschriften? Ja, es ist wie bei vielem. Das Gefühl mit einer richtigen Zeitung in der Hand auf der Couch zu sitzen und Kaffee zu schlürfen kann das Internet und somit mein Handy nicht ersetzen. Aber es kann mir die gleichen Informationen liefern. Aktueller als jede Tageszeitung. Sogar mit Bildern. Manche Handys funktionieren inzwischen schon wie ein Fernseher.

Auch das Knistern einer Schallplatte und die Schönheit eines Plattencovers ist durch keine MP3-Datei ersetzbar, geschweige denn deren Klang. Aber sämtliche Musikstücke der Schallplattensammlung meines Vaters würden als MP3-Datei in mein Handy passen. Ungefähr zehn mal. Über Kopfhörer ist der Klang auch nicht schlechter, als bei einem Walkman. Immerhin den würde mein Vater noch kennen. War für ihn damals Wunder- und Teufelswerk zugleich, aber er brachte mir einen aus Lübeck mit, wo er als Rentner hin durfte. Von Elta und in rot. Coole Jungs hatten natürlich einen schwarzen von Sony. Aber ich hatte einen Walkman. Wenn ich zur Schule war, benutzte mein Vater ihn heimlich und hörte Bruce Low. Die Kassette hab ich neulich wiedergefunden und dafür extra mein Kassettendeck reparieren lassen.

Würde mein Vater verstehen, dass in den Handy-Kopfhörern eine Antenne steckt, mit der man zumindest im Großstadtbereich eine beachtliche Anzahl an Radiostationen empfangen kann? Oder dass es auch im Internet Radios gibt. Tausende? Ich hab zu Hause noch das alte Röhrenradio meines Vaters mit UKW, MW, KW I und II und LW. Nach der Wende verkaufte man uns so was in kleiner als Weltempfänger, aber man kam auch damit höchstens an die Grenzen Europas. Wenn ich heute ein College-Radio irgendwo in Illinois hören möchte, weil das genau meinen Musikgeschmack trifft, ist das mit meinem Handy kein Problem! Trotzdem hat das alte Röhrenradio mehr Stil. Anmachen, eine Minute warten, bis der erste Ton kommt und alle ein, zwei Stunden den Sender wieder nachstellen, weil das Radio die Frequenz nicht mehr genau hält. Als Kind lauschte ich fasziniert all den fremdsprachigen Sendern. Den offenen Atlas und die Ansichtskarten vor mir, die ich sammelte. Heute verschickt man so was ja kaum noch. Man nimmt das Handy, macht ein Foto, schreibt einen kurzen Text und verschickt das Ganze als MMS. Kostet etwa soviel wie das Porto für eine Ansichtskarte, braucht aber keine drei Tage, sondern höchstens drei Minuten, dann hat sie der Empfänger. Geht auch ohne Foto und heißt dann SMS.

Ja Fotos! Man kann mit dem Handy auch fotografieren. Digital. Mein Handy hat 3,2 Mega Pixels und ist in dem Bereich schon wieder eher lowtech. Entschuldige Papa, ich meine damit, es ist veraltet. Aber ich kann damit jederzeit Fotos machen und sie mir sofort angucken. Ich kann sie beliebig reproduzieren, verschicken, auf Fotopapier ausdrucken, vergrößern und bearbeiten. Ich kann sie im Handy speichern. So viele, wie in den ungefähr 10 Fotoalben, die aus der Zeit meines Vaters stammen. Er hat die Fotos mit seiner Pentagon Spiegelreflex-Kamera gemacht, die Filme wurden zum entwickeln nach Rostock geschickt und es dauerte Wochen, bis er sah, ob sie was geworden sind. Aber auch hier: als meine Minolta Spiegelreflex-Kamera kaputt ging, gab ich das Fotografieren auf. Der Reiz war weg. Blende und Belichtungszeit selbst einstellen, den Film manuell weiter transportieren, das gespannte Warten, wie die Fotos geworden sind. Gute Fotos kann heute jeder machen. Oder Videos. Das man jenseits der Mauer neuerdings selbst Filme drehen konnte, davon hatte mein Vater Ende der 80er noch gehört. Heute braucht man dafür nicht mal mehr eine Videokamera. Ein Handy genügt. Die Bildqualität hält locker mit jeder durchschnittlichen Videokamera aus den 80ern mit und auch der Ton ist nur unwesentlich bescheidener. Was Videospiele sind, wusste mein Vater hingegen nicht mehr. Er spielte mit mir noch Schnick, Schnack, Schnuck oder Schiffe versenken. Heute spiele ich mit meinem Handy Tetris, wenns auf Klo mal wieder länger dauert. Oder Minigolf, Tennis und PanzerTactics.

Mein Handy dient mir als Diktiergerät. Mein Vater hatte für so was eine Sekretärin, aber er schrieb lieber selbst. Von irgendwem muss ich das ja haben. Ich lasse mich von meinem Handy wecken, wenn ich will zu 5 verschiedenen Zeiten und mit Schlummerfunktion. Der Wecker meines Vaters musste regelmäßig aufgezogen werden und hatte zwei Zeiger. Ich kann mir im Handy Notizen machen und im Kalender Termine eintragen, die mich selbständig erinnern. Ich muss auch nicht mehr im Kopf rechnen können. Für so was hat mein Handy einen Taschenrechner, immerhin mit Speicherfunktion, dafür aber ohne Pi-Taste. Der Taschenrechner meines Vaters kostete ungefähr ein Monatsgehalt und hatte eine Pi-Taste. Weil man Pi ständig braucht. Mein Vater hatte auch eine sehr schöne Stoppuhr, wegen der ich mal tierisch Ärger bekam. Ich hatte auf dem Sportplatz eine Stoppuhr gefunden, etwas ramponiert, aber mit Kette dran. Mein Kumpel behielt die Kette und ich die Stoppuhr (so ein Idiot!). Stolz kam ich damit nach Hause, mein Vater dachte, es wäre seine und machte mich ob des Zustands derbe zur Sau. Bestohlen fühlte er sich auch noch. Bis er seine eigene in den Händen hielt. Die ramponierte Stoppuhr musste ich zum Sportplatz zurück bringen. Heute hätte ich keinen solchen Ärger mehr. Na ja, zumindest wäre um die Stoppuhr ein Handy drum rum. So groß wie eine Zigarettenschachtel, mit Vertrag 20 Euro teuer. Eine Tankfüllung für den Seat kostet mich das Dreifache.
FeuerHamburg
Intressanter text.

Vorallem das mit dem Trichterbechermann großes Grinsen
HGW Schmidt
Die Beiträge von Filter muss man der Nachwelt erhalten !!

Schreiben kann er, unser Mann vom Ordnungsamt !

MkG

Jan