Sand im Rettungsgetriebe

99/5/1
Berlin probt vor der Fußball-WM die Dreifach-Katastrophe

Drei Monate vor dem WM-Anpfiff wagt Berlin die Nagelprobe, simuliert den Fall der Fälle. Drei Katastrophen laufen bei der Feuerwehr-Leitstelle ein, im Zehn-Minuten-Takt folgt ein Unglück auf das andere, jedes in einem anderen Teil der Stadt: Explosion in einer Firma in Karlshorst, Chemieunfall auf einem Bahngleis im Wedding, im Stadion Mariendorf bricht eine Großleinwand ein. Es gibt Tote und etwa 400 Verletzte, unter ihnen viele, die mit einem Giftstoff verseucht sind. Bei der Großübung "Triangel" mit rund 2000 Teilnehmern testen Feuerwehr, Polizei, Bundeswehr, Kliniken, THW und Hilfsverbände die Zusammenarbeit - und stoßen an deutliche Grenzen.

von Doris Neu, 12.03.2006

Eine riesige Platzwunde auf der Stirn entstellt das Gesicht der jungen Frau. Auch ihre drei Kollegen, die sich vor dem Stadion Mariendorf im Schneetreiben warm frotzeln, haben dick geschminkte Blessuren. Das gut gelaunte Quartett der Freiwilligen Feuerwehr aus Biedenkopf bei Marburg ist extra angereist, um bei der Berliner Großübung dabei zu sein - als Komparsen im Katastrophenspiel. Aus Spaß, aber auch, um sich von den Profis was abzugucken. "Bitte, jetzt nach oben kommen", ruft ein Übungsleiter in roter Leuchtweste den Statisten vor dem Eingang zu und gibt letzte Anweisungen: "Verhalten Sie sich wie Zuschauer im Stadion. Einige von Ihnen werden durcheinander sein, einige sollen unkooperativ sein. Aber, bitte schön, nicht übertreiben, wir wollen kein Chaos!"

"Die Übung hat begonnen"

Am südlichen Ende des zugeschneiten Spielfeldes ist das Gerüst einer Großleinwand zusammengebrochen. An der Unglücksstelle werden kurz vor Beginn der Übung noch Opfer zwischen dem eingestürzten Gestänge verteilt. Feuerwehrsprecher Matthias Waligora versucht unterdessen, die frierende Reporter-Schar mit Hinweisen zum Szenario bei Laune zu halten. Vor allem die Fernsehleute sind sauer, von der Zuschauertribüne aus gibt es keine ordentlichen Bilder.

Die Puppe markiert die Stelle auf der Tribüne, wo die Retter Verletzte hinbringen sollen.

"Die Übung hat begonnen", verkündet Pressesprecher Waligora Punkt 11.30 Uhr durchs Mikro. Gut, dass er es sagt, denn so richtig will keine Panik unter den mehreren hundert Leuten aufkommen. Von weitem wirken sie etwas unentschlossen, ihrer Rolle nicht sicher. Ein schneegedämpftes "Hilfe", ein paar Schreie dringen aus der Menge empor. Einzelne lösen sich aus dem Menschenknäuel und wanken vom Unglücksort weg . "Etwa 200 Menschen sind verletzt, 150 von ihnen sind unter dem Gerüst begraben", kommentiert Waligora lautstark das Geschehen. Und weil man die Dramatik der Lage nur mit Mühe ausmachen kann, hilft er den Augen der Beobachter auf die Sprünge: "Die Menschen rennen wirr umher."

WM 2006

"Wie ein Uhrwerk"

Warten macht die Zeit zäh. "Normalerweise sollte schon die zweite Alarmierung gelaufen sein", erklärt der Pressemann zehn Minuten nach Beginn der Übung. Weitere fünf Minuten ziehen träge vorüber. Dann aus der Ferne: Tatütata, Tatütata. "Ah, wir hören das erste Martinshorn." Und alle hören die Erleichterung des wackeren Fürsprechers der Feuerwehr. Um 11.50 Uhr - 20 Minuten nach dem Übungsanpfiff - rollt der erste Rettungswagen auf das Gelände, wenig später schlappt auch der erste Einsatzleiter über das Schneefeld und funkt Anweisungen an seine Mannschaften. Nach und nach treffen weitere Retter ein. Allmählich kommt Bewegung ins Spiel. Helfer schwärmen aus, schaffen Material und Tragen heran, packen Verletzte in goldene Isolierfolien, bergen Opfer und markieren ein großes Quadrat mit Bändern für die Versorgung der Verletzten. Auch ein Behandlungszelt nimmt langsam Gestalt an.


Innensenator Körting: "Wie ein Uhrwerk"

Wenig später klopft Feuerwehrchef Albrecht Broemme sich und seinen Leuten in einer ersten Mariendorf-Bilanz auf die Schultern: "Wir sind zufrieden. Ich habe den Eindruck, dass alles relativ gut funktioniert." Auch Innensenator Ehrhard Körting geizt nicht mit Lob. "Die Leitstelle läuft wie ein Uhrwerk." Das Land fühle sich gut auf die WM vorbereitet, beteuert der SPD-Politiker auch heute, wie schön so häufig in den letzten Wochen. Diese Art von Optimismus hören die Berliner gern, denn in den viereinhalb WM-Wochen ab 9. Juni kommt einiges auf sie zu: Die Behörden gehen davon aus, dass sich in diesem Zeitraum täglich etwa 500.000 Menschen mehr in der 3,5-Millionen-Stadt tummeln; an den sechs Spieltagen, darunter ein Viertelfinale und das Finale am 9. Juli, sollen es sogar doppelt so viele sein. Hooligans, vor allem aus Polen, bereiten den Behörden Kopfzerbrechen. Auch die Fanmeile auf der Straße des 17. Juni und die vielen anderen Public-Viewing-Plätze mit Großleinwänden sehen sie als ein großes Sicherheitsrisiko. Deswegen freut man sich über den recht guten Verlauf der Leinwand-Übung.

Selbsthilfe am schnellsten

Bei der zweiten zeitgleich simulierten Übung im Stadtteil Wedding fällt das vorläufige Resümee am Samstagabend dann weniger rosig aus. Die Rettung der rund 100 Verletzten nach dem Giftgas-Unfall auf einem Bahngleis am Gesundbrunnen lief offenbar ganz und gar nicht wie am Schnürchen. "Es hat nicht so geklappt wie vorgestellt", räumt Landesbranddirektor Albrecht Broemme im Berliner Rundfunk ein.

Etwa anderthalb Stunden habe es gedauert, bis die ersten Menschen an der Unglücksstelle versorgt wurden, sagt Klaus Krzizanowski, der bei der Polizeigewerkschaft für die Feuerwehr zuständig ist, gegenüber heute.de. Nur diejenigen Verletzten, die noch laufen und auf eigene Faust eine Klinik aufsuchen konnten, hätten schneller Hilfe bekommen. Die Koordination zwischen Feuerwehr, Polizei und Hilfsorganisationen sei fehlgeschlagen, sagt Krzizanowski. Solche Großeinsätze habe man in dieser Form bisher nicht trainiert.

Die komplette Auswertung der Großübung soll Ende April vorliegen, um beim Sicherheitskonzept für die WM nachbessern zu können. Nur: Viel Zeit bleibt dann nicht mehr, um in der Bevölkerung ein Sorglos-Gefühl zu verankern.

Infobox

Berlin vor der WM

Polizei

Die Berliner Polizei will die WM alleine schultern. Auf andere Bundesländer, in denen WM-Spiele ausgetragen werden, kann sie nicht groß zählen. Im Notfall will Innensenator Körting Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt um Hilfe bitten. Für die rund 17.000 Hauptstadt-Polizisten gibt es für diese Zeit ein Urlaubsverbot. In Berlin sind an normalen Tagen mehr als 3000 Beamte im Einsatz. Mindestens 2000 weitere Polizisten können aus der Bereitschaft, den Direktionen und örtlichen Dienststellen zusammengezogen werden. Durch die Urlaubssperre stehen insgesamt etwa 30 Prozent mehr Leute zur Verfügung.

Feuerwehr

Zur WM steht die Feuerwehr täglich mit rund 800 Leuten bereit - 220 mehr als an normalen Tagen. Falls eine besondere Notlage eintritt, kann sie weitere 300 Kräfte aufstellen. Der Berufsfeuerwehr können - nach eigenen Angaben binnen 30 Minuten - noch mehrere hundert Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr zur Seite gestellt werden. Auch die 114 Rettungswagen werden zur WM um ein Drittel aufgestockt. Die Feuerwehr richtet am Olympiastadion eine Container-Wache ein. Dort soll es auch eine Versorgungsstelle für Verletzte und eine Station zur Dekontaminierung geben.

Krankenhäuser

Auch die Berliner Gesundheitsverwaltung richtet sich auf das Großereignis ein. Bis dahin sollen alle 38 Aufnahme-Kliniken mit je vier speziellen Schutzanzügen gegen ABC-Stoffe ausgestattet und die Mitarbeiter entsprechend geschult sein. Ein Dekontaminierungszelt für jedes dieser Häuser wird es aber bis zur WM nicht geben. Seit 1985 haben die Berliner Kliniken mehr als 100 Mal Katastrophen geübt. Jedes Krankenhaus ist nach Angaben der Gesundheitsverwaltung in der Lage, spontan 30 bis 60 Verletzte zu versorgen. Weiterhin haben die Gesundheitsämter der Länder zur WM einen intensiven Informationsaustausch vereinbart. So werden etwa ansteckende Krankheiten sofort gemeldet.

Quelle: www.heute.de
Öl-König
"Die größte Herausforderung stellte die dritte Einsatzstelle am Bahnhof Gesundbrunnen dar: Hier sollte die Versorgung von Verletzten geübt werden, die infolge einer Chemikalienfreisetzung kontaminiert waren. Zunächst musste dieser Übungsteil aus Gründen der Arbeitssicherheit verspätet gestartet werden, dann ergaben sich weitere Verzögerungen im Ablauf. Bedingt durch die Unübersichtlichkeit und schlechte Zugänglichkeit der Einsatzstelle offenbarten sich Schwachstellen in der Koordinierung der einzelnen Übungsteile. Um für die Verletztendarsteller und Übungskräfte einen vertretbaren Zeitplan einzuhalten, wurde der Übungsteil am Bahnhof vor Beendigung aller Maßnahmen beendet. Folgemaßnahmen, wie die Dekontamination Verletzter am Jüdischen Krankenhaus, die Dekontamination Unverletzter in der ortsfesten Dekontaminationsstelle im Schwimmbad an der Seestraße sowie die Bergung des beschädigten Gefahrgutbehälters erfolgten professionell und zufrieden stellend."
[www.feuerwehr-berlin.de]

In einem TV Bericht der ZDF Reporter, wurde gesagt, das dieser Übungsteil nach kurzer Zeit abgebrochen wurde, was natürlich im Widerspruch zu dem "offiziellen" Artikel läuft.