Filter
Jetzt mal ganz ehrlich und aufrichtig, wer freut sich da wirklich noch drauf? Ich nicht! Klar, als Kind, da freute ich mich auf die Geschenke, aber das erste Gefühl, das ich mit Weihnachten verband, war pure Angst! Bei uns zu Hause tauchte in den ersten Jahren immer noch der Weihnachtsmann auf. Nicht genug, dass mir die Eltern drohten, ich bekäme was mit der Rute, wenn ich unartig gewesen wäre. Ich hatte irgendwie schon immer das Gefühl unartig zu sein und sah der Bescherung daher mit Bangen entgegen. Nein, außerdem war der Weihnachtsmann eine unglaublich finstere Gestalt. Nix mit rotem Mantel und weißem Bart. „Mein“ Weihnachtsmann kam in schwarzer Lodenjacke und einer grotesken Maske. Ich musste jedes Mal heulen. Meine Mutter holt jedes Jahr wieder dieses dämliche Foto raus, auf dem der Weihnachtsmann ein völlig verstörtes Kind in blauen Strumpfhosen (!) auf dem Arm hält. Der Spuk war schlagartig vorbei, als ich erkannte, dass der Weihnachtsmann die Stiefel von Onkel Peter an hat und dass der deshalb kurz vorher immer zur Garage musste. Onkel Peter und die Garage. Jahre später ging der Onkel Peter als Rentner jeden Morgen in die Garage und erst spät am Abend kam er von dort wieder zurück. Manchmal auf allen Vieren, immer mit `ner tierischen Alkoholfahne. Fragte man ihn morgens, wo er hin will, sagte er stets, er wolle Brötchen holen. Meine Mutter konnte sich nicht verkneifen, ein „zu Bäcker Freytag in die Tiefgarage!?“ hinterher zu schieben. Irgendwann holte er sich da unten eine tödlich endende Lungenentzündung und seine Frau rennt heute noch jeden Tag in schwarz zum Friedhof, obwohl sie nicht unwesentlich zu seiner Garagenflucht beigetragen hatte. In der Garage hing übrigens ein Aktbild von ihr an der Wand, eigenhändig von Onkel Peter gezeichnet. Vor dem saß er, soff billigen Rotwein und dachte wahrscheinlich über die Vergänglichkeit der Jugend nach. Nach der Wende blätterte er zusätzlich in den Pornoheftchen, die es an jeder Tanke auf Nachfrage gibt, und hatte eine Schreckschusspistole vor sich auf dem Tisch.
Aber zurück zu Weihnachten. Die nächsten ein, zwei Jahre nach der Enttarnung des Weihnachtsmannes ging alles gut. Ich musste irgendwann aus dem Wohnzimmer verschwinden und wenn ich wieder rein durfte, lagen die Geschenke unterm Baum, verbunden mit dem Satz: „Der Weihnachtsmann war da!“. Klar, der ist durchs Fenster rein und raus und sein Rentierschlitten parkte auf´m Balkon! Matchbox-Autos waren das Größte. Unterm Baum konnte liegen was will, wenn kein Matchbox-Auto dabei war, war Weihnachten versaut. Noch so eine Ironie der Geschichte. Als Kind träumte ich davon, mit 100 „Westmark“ in den Intershop zu gehen und mir 33 Matchbox-Autos auf einmal zu kaufen. Im Dezember 1989 stand ich mit 100 „Westmark“ Begrüßungsgeld bei Karstadt in Lübeck und merkte mit meinen 13 Jahren, dass mir Matchbox-Autos inzwischen total egal waren. Hab dann einen Kassettenrecorder von Philipps und ´ne Kassette von den Ärzten gekauft. Ich schweife schon wieder ab.
Schlimm, also so richtig schlimm, wurde die Einführung des gemeinsamen Weihnachtsabends bei meiner richtigen Tante und meinem richtigen Onkel. Onkel Peter war nur ein Nennonkel. Auch so ´ne komische Sache. Als Kind sind alle Verwandte und Bekannte der Eltern automatisch Onkel und Tanten, egal welches Verwandtschaftsverhältnis überhaupt besteht. Mein Vater ertrug die Schwester meiner Mutter nur im Suff und weigerte sich deshalb, mit dem Auto zu meiner Tante zu fahren. Meine Mutter wiederum weigerte sich, die ganzen Geschenke zu Fuß zu meiner Tante zu schleppen und so gab es fortan zu Hause bereits nach dem Mittagessen Bescherung. Anschließend ging’s zur Tante und prinzipiell war das eine lustige Angelegenheit, denn meine Cousins und Cousinen bzw. deren Kinder waren auch da. Lustig blieb es bis zur Bescherung. Susi und Steffen, so hießen die Kinder in meinem Alter, saßen neben mir auf der Couch. Mir hatte keiner gesagt, dass die Beiden nicht schon nach dem Mittagessen Geschenke bekommen hatten. Da hatten aber auch beide Eltern einen Führerschein und einen Lada mit großem Kofferraum. Es klopfte gewaltig an die Tür, dann kam mein Onkel ins Zimmer, erzählte was vom Weihnachtsmann, der es furchtbar eilig und deshalb nur den Sack dagelassen hatte und dann ging sie los, die Geschenkverteilung. Ein Geschenk für Susi. Ein Geschenk für Steffen. Ein Geschenk für Susi. Ein Geschenk für Steffen. Jedes Mal, wenn der Onkel in den Sack griff, stieg meine Erwartung. Ein Geschenk für Susi und hier ein ganz großes Päckchen für den Steffen. Wieder nix! Doch! Ein Geschenk für Arne. Na das wurde auch Zeit. Doch dann wieder ein Geschenk für Steffen, eins für Susi und immer so weiter. Die wurden mit Geschenken nur so überhäuft und für mich fiel nichts mehr ab. Eine kalte Hand ergriff mein kleines Herz. Warum bekommen die so viel und ich nicht? Ich heulte schließlich Rotz und Wasser. Keine Erklärung meiner Mutter konnte mich trösten. Ich war durch mit allem, meine Eltern schwörten sich, so etwas nie wieder zu tun und ich hatte meinen bis heute nicht überwundenen Weihnachtsknacks weg. Fortan torpedierte ich jede Weihnachtsfeier im erweiterten Familienkreis mit der Verweigerung der Nahrungsaufnahme. Egal, was es geben sollte, ich mochte es nicht. Wenn alle an ihrem Weihnachtskarpfen pulten, löffelte ich meinen trotzig abgerungenen Eintopf. Selbst die knusprige Weihnachtsgans verschmähte ich und schaufelte Klopse in mich rein. Beinahe hätte das mal einen ernsten Familienkrach ausgelöst, denn auf die Bemerkung meines Onkels, die Klopse wären für Alle gedacht, sobald sie mit dem Hauptgericht durch wären, und ich würde keinen weiteren mehr bekommen, wurde meine Mutter laut, fragte, ob ich etwa hungern und soll und wenn das so ist, dann verzichtet sie eben auf ihre Klopse. Schönes Weihnachten das! Ich hab dem Steffen im Laufe des Abends noch eine geschmiert, weil er mir mein Spielzeug, welches aber eigentlich seins war, wegnehmen wollte. Meine Eltern trugen zu meiner Abneigung der großfamiliären Weihnachtsfeier zusätzlich bei, in dem ich von ihnen bekam, was ich mir wünschte und von den Verwandten, was ich nach Auffassung meiner Eltern brauchte. Kratzige Strickpullover zum Beispiel.
Noch unerträglicher wurde es nach dem Tod meines Vaters, als meine Mutter und ich aus Mitleidsgründen die vollen drei Tage in den Weihnachtskreis integriert wurden. Ich war inzwischen in der Pubertät und hatte eine ausgeprägte Rebellionsphase. Sehr ausgeprägt. Das begann mit unangebrachten Witzen am Esstisch, ging über die konsequent durchgetrotzte Extrabekochung, die unerwünschte Aufklärung der hinzugekommenen Kleinkinder bezüglich der Nichtexistenz des Weihnachtsmannes und des Sandmannes gleich mit und endete bei der völligen Teilnahmslosigkeit während der Bescherung, unterbrochen von der absolut aufrichtigen Freude über dämliche Geschenke: „Oooh, Socken mit Rentiermuster! Super Klasse!“ Muttern versuchte zu beschwichtigen: „Du brauchst dringend welche! Sind doch nützlich!“ Man, war ich ein Arschloch! Und meine Mutter ist immer noch beleidigt, wenn ich bewusst von „ihrer“ Familie spreche.
Tja und heute? Die Tante ist tot, der Onkel vegetiert im Heim und überzeugt mich weiter in meiner Meinung, dass man irgendwann die Geräte einfach abschalten sollte. Die Cousins und Cousinen haben sich über ganz Deutschland verteilt und ich sehe drei aufregenden Tagen bei meiner Mutter entgegen. Komisch, irgendwie wünsche ich mir die großfamiliären Weihnachtsfeste zurück.
Aber zurück zu Weihnachten. Die nächsten ein, zwei Jahre nach der Enttarnung des Weihnachtsmannes ging alles gut. Ich musste irgendwann aus dem Wohnzimmer verschwinden und wenn ich wieder rein durfte, lagen die Geschenke unterm Baum, verbunden mit dem Satz: „Der Weihnachtsmann war da!“. Klar, der ist durchs Fenster rein und raus und sein Rentierschlitten parkte auf´m Balkon! Matchbox-Autos waren das Größte. Unterm Baum konnte liegen was will, wenn kein Matchbox-Auto dabei war, war Weihnachten versaut. Noch so eine Ironie der Geschichte. Als Kind träumte ich davon, mit 100 „Westmark“ in den Intershop zu gehen und mir 33 Matchbox-Autos auf einmal zu kaufen. Im Dezember 1989 stand ich mit 100 „Westmark“ Begrüßungsgeld bei Karstadt in Lübeck und merkte mit meinen 13 Jahren, dass mir Matchbox-Autos inzwischen total egal waren. Hab dann einen Kassettenrecorder von Philipps und ´ne Kassette von den Ärzten gekauft. Ich schweife schon wieder ab.
Schlimm, also so richtig schlimm, wurde die Einführung des gemeinsamen Weihnachtsabends bei meiner richtigen Tante und meinem richtigen Onkel. Onkel Peter war nur ein Nennonkel. Auch so ´ne komische Sache. Als Kind sind alle Verwandte und Bekannte der Eltern automatisch Onkel und Tanten, egal welches Verwandtschaftsverhältnis überhaupt besteht. Mein Vater ertrug die Schwester meiner Mutter nur im Suff und weigerte sich deshalb, mit dem Auto zu meiner Tante zu fahren. Meine Mutter wiederum weigerte sich, die ganzen Geschenke zu Fuß zu meiner Tante zu schleppen und so gab es fortan zu Hause bereits nach dem Mittagessen Bescherung. Anschließend ging’s zur Tante und prinzipiell war das eine lustige Angelegenheit, denn meine Cousins und Cousinen bzw. deren Kinder waren auch da. Lustig blieb es bis zur Bescherung. Susi und Steffen, so hießen die Kinder in meinem Alter, saßen neben mir auf der Couch. Mir hatte keiner gesagt, dass die Beiden nicht schon nach dem Mittagessen Geschenke bekommen hatten. Da hatten aber auch beide Eltern einen Führerschein und einen Lada mit großem Kofferraum. Es klopfte gewaltig an die Tür, dann kam mein Onkel ins Zimmer, erzählte was vom Weihnachtsmann, der es furchtbar eilig und deshalb nur den Sack dagelassen hatte und dann ging sie los, die Geschenkverteilung. Ein Geschenk für Susi. Ein Geschenk für Steffen. Ein Geschenk für Susi. Ein Geschenk für Steffen. Jedes Mal, wenn der Onkel in den Sack griff, stieg meine Erwartung. Ein Geschenk für Susi und hier ein ganz großes Päckchen für den Steffen. Wieder nix! Doch! Ein Geschenk für Arne. Na das wurde auch Zeit. Doch dann wieder ein Geschenk für Steffen, eins für Susi und immer so weiter. Die wurden mit Geschenken nur so überhäuft und für mich fiel nichts mehr ab. Eine kalte Hand ergriff mein kleines Herz. Warum bekommen die so viel und ich nicht? Ich heulte schließlich Rotz und Wasser. Keine Erklärung meiner Mutter konnte mich trösten. Ich war durch mit allem, meine Eltern schwörten sich, so etwas nie wieder zu tun und ich hatte meinen bis heute nicht überwundenen Weihnachtsknacks weg. Fortan torpedierte ich jede Weihnachtsfeier im erweiterten Familienkreis mit der Verweigerung der Nahrungsaufnahme. Egal, was es geben sollte, ich mochte es nicht. Wenn alle an ihrem Weihnachtskarpfen pulten, löffelte ich meinen trotzig abgerungenen Eintopf. Selbst die knusprige Weihnachtsgans verschmähte ich und schaufelte Klopse in mich rein. Beinahe hätte das mal einen ernsten Familienkrach ausgelöst, denn auf die Bemerkung meines Onkels, die Klopse wären für Alle gedacht, sobald sie mit dem Hauptgericht durch wären, und ich würde keinen weiteren mehr bekommen, wurde meine Mutter laut, fragte, ob ich etwa hungern und soll und wenn das so ist, dann verzichtet sie eben auf ihre Klopse. Schönes Weihnachten das! Ich hab dem Steffen im Laufe des Abends noch eine geschmiert, weil er mir mein Spielzeug, welches aber eigentlich seins war, wegnehmen wollte. Meine Eltern trugen zu meiner Abneigung der großfamiliären Weihnachtsfeier zusätzlich bei, in dem ich von ihnen bekam, was ich mir wünschte und von den Verwandten, was ich nach Auffassung meiner Eltern brauchte. Kratzige Strickpullover zum Beispiel.
Noch unerträglicher wurde es nach dem Tod meines Vaters, als meine Mutter und ich aus Mitleidsgründen die vollen drei Tage in den Weihnachtskreis integriert wurden. Ich war inzwischen in der Pubertät und hatte eine ausgeprägte Rebellionsphase. Sehr ausgeprägt. Das begann mit unangebrachten Witzen am Esstisch, ging über die konsequent durchgetrotzte Extrabekochung, die unerwünschte Aufklärung der hinzugekommenen Kleinkinder bezüglich der Nichtexistenz des Weihnachtsmannes und des Sandmannes gleich mit und endete bei der völligen Teilnahmslosigkeit während der Bescherung, unterbrochen von der absolut aufrichtigen Freude über dämliche Geschenke: „Oooh, Socken mit Rentiermuster! Super Klasse!“ Muttern versuchte zu beschwichtigen: „Du brauchst dringend welche! Sind doch nützlich!“ Man, war ich ein Arschloch! Und meine Mutter ist immer noch beleidigt, wenn ich bewusst von „ihrer“ Familie spreche.
Tja und heute? Die Tante ist tot, der Onkel vegetiert im Heim und überzeugt mich weiter in meiner Meinung, dass man irgendwann die Geräte einfach abschalten sollte. Die Cousins und Cousinen haben sich über ganz Deutschland verteilt und ich sehe drei aufregenden Tagen bei meiner Mutter entgegen. Komisch, irgendwie wünsche ich mir die großfamiliären Weihnachtsfeste zurück.